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6.1 Das Wernicke-Geschwind Modell

Die Patienten von Broca waren vor allem in der Sprachproduktion schwer gestört. Die Patienten blieben einfach stumm, oder es wurden schleppend einfache Wortkombinationen gesprochen. So wird zum Beispiel der Satz "Ich sah einige graue Katzen." zu folgendem Konstrukt "Sehen graue Katze." für einen Patienten mit einer Schädigung des Broca-Areals. Der Patient ist sich im allgemeinen seiner Störung bewusst, und sein Sprachverständnis ist im allgemeinen gut erhalten. Die Patienten verstehen zwar die Sprache, sind aber nicht in der Lage eine Antwort, sei es verbal oder handschriftlich, zu kommunizieren.

Der Neurowissenschafter Wernicke entdeckte, dass es noch eine weitere große Gruppe von Patienten gibt, die starke Gemeinsamkeit von Störungen in der Sprachverarbeitung aufweisen. Diese Patienten hatten ein schweres Verständnisdefizit. Sie sind in der Regel nicht in der Lage, das richtige Wort zu finden. Meist wird ein unpassendes Wort verwendet, oder es werden neue Phantasiewörter gebildet. Sie scheitern daran, Gedanken durch die Sprache zu übermitteln. Auch das Lesen und Schreiben ist stark beeinträchtigt. So antwortet ein Patient, der an dieser Störung leidet, auf die Frage "Wo lebst Du denn?" folgendermaßen: "Ich kam dorther vor hier und ging dorthin zurück.". Die Patienten sind sich normalerweise nicht über ihr Problem bewusst. Wernicke konnte zeigen, dass es im Gehirn ein weiteres Areal gibt, dass für die Sprachverarbeitung verantwortlich ist.

Abbildung 6.2: Das Broca- und das Wernicke-Areal auf der Großhirnrinde, verbunden durch einen Faserstrang, den fasciculus arcuatus.

Nach Brodmanns Unterteilung gilt: Area 4 ist der primäre motorische Cortex, Area 41 der primäre auditorische Cortex, Area 22 ist das Wernicke-Areal und Area 45 das Broca-Areal. Wie man leicht in Abbildung 5.2 erkennen kann, liegen die beiden Areale in der Nähe der jeweiligen wichtigen Gehirnareale. Das Wernicke-Areal liegt im Zentrum der sensorischen übergeordneten Areale. So erhält es Signale aus dem übergeordneten visuellem oder übergeordnetem auditivem Areal. Zudem steht es in Kontakt, zum PTO-Areal. Deshalb wird es auch als das sensorische Sprachareal bezeichnet. Wenn dieses Areal ausfällt oder beschädigt wird, dann kommt es zu schweren Verständnisdefiziten. Möglicherweise können sich die Patienten auch die Wörter nicht mehr vorstellen. Aktuelle Untersuchungen werden mehr Informationen liefern.
Das Broca-Areal ist für die motorische Sprachproduktion essentiell. Es liegt in der Nähe der motorischen Areale der Großhirnrinde. Sollte dieses Areal zerstört sein, so ist eine Artikulation oder auch eine handschriftliche Kommunikation nicht mehr möglich. Bei einer teilweisen Beschädigung kommt es zu schweren grammatikalischen Fehlern. Über eine starke Verbindung sind beide Areale miteinander verbunden.


Abbildung 6.3: Der Verlauf der Signale eines gelesenen Wortes über das Wernicke-Areal und Broca-Areal bis zur Aussprache. Die Abbildung zeigt einen Gehirnquerschnitt mit allen beteiligten Arealen.


Das Wernicke-Geschwind Modell fasst diese Ergebnisse zusammen. Dieses Modell ist zwar nicht mehr das aktuellste, aber praktisch alle Modelle der Sprachverarbeitung basieren auf ihm. In Abbildung 6.3 kann man gut den Verlauf des Signals eines gelesenen Wortes erkennen. Zuerst gelangt über die Retina die Information zum Thalamus. Dort kommt es zur ersten Vorverarbeitung. Danach gelangt das Signal in den primären visuellen und unmittelbar folgend in den übergeordneten visuellen Cortex. Nun gibt es zwei Möglichkeiten. Wenn das Wort Buchstabe für Buchstabe vorgelesen wird, die semantische Bedeutung ist dabei ohne Relevanz, gelangen die Signale direkt in das Broca-Areal. Wird das Wort aber semantisch verarbeitet, so gelangt es zuerst in das Wernicke-Areal. Das heißt das Wort wird gelesen, dann die Bedeutung verarbeitet (verstanden) und dann erst ausgesprochen. Diese Aussprache ist natürlich viel flüssiger, als im vorigen Fall. Das Wernicke-Geschwind-Modell macht eine Vorhersage, wenn die Verbindung zwischen dem Wernicke- und dem Broca-Areal gestört ist. Diese sogenannte Leitungsaphasie führt zu einer nicht flüssigen Sprachproduktion, korrekte Ausdrücke werden durch unpassende ersetzt. Das Bezeichnen von Dingen oder Personen ist stark gestört, aber das Verständnis für Geschriebenes oder Gehörtes ist als normal zu bezeichnen.

Abbildung 6.4: Das Struktogramm eines leicht erweiterten Wernicke-Geschwind-Modells. Die Erweiterung besteht in einem zusätzlichen Areal für die semantische Assoziation. Über diese semantischen Assoziationen kann die Information besser kategorisiert werden.

Mit dem Modell aus Abbildung 6.4 können auch noch andere Störungen, die bei der Sprachverarbeitung auftreten können, erklärt werden. So versteht man unter einer Alexie den Verlust der Lesefähigkeit. Sie tritt dann auf, wenn das Areal für die visuelle Codierung gestört ist. Die Buchstaben beginnen zu verschwimmen und damit können die Buchstaben gar nicht gelesen werden. Es handelt sich dabei um eine Wortblindheit. Trotzdem kann auditive Sprache korrekt verarbeitet werden. Bei der Agraphie ist der Patient nicht in der Lage, Informationen aufzuschreiben. Es scheint, dass die Verbindung zwischen dem Broca-Areal und dem primären motorische Areal für die Handbewegung gestört ist. Selten kommt es zu einem gemeinsamen Auftreten von Alexie und Agraphie, trotzdem können die Patienten sprechen und hören.


Abbildung 6.5: Darstellung der Signalweiterleitung auf der Oberfläche des Gehirns, wenn ein Wort gehört wird und unmittelbar danach ausgesprochen wird.


Abbildung 6.6: Darstellung der Signalweiterleitung auf der Oberfläche eines Gehirns, wenn ein Wort gelesen wird und unmittelbar danach ausgesprochen wird. Für das Lesen gibt es ein eigenes Areal, das Lesezentrum.


Abbildung 6.7: FMRI-Aufnahmen während verschiedener Sprachverarbeitungsprozesse.


Aufgrund der Erkenntnisse, die in den Abbildungen 6.5 bis 6.7 dargestellt sind, ergibt sich für das Lesen ein etwas komplexerer Sachverhalt. Es gibt ein eigenes Areal, das ausschließlich für die Wortbedeutung zuständig ist. Dieses Areal kann aber auch durch das Hören aktiviert werden. Wenn man ein Wort hört, dann entsteht in unserem Kopf das Bild von dem Wort, oder es erscheint die Buchstabenfolge oder auch die phonetische Codierung.

Natürlich ist auch der Fremdsprachenerwerb ein interessantes Gebiet für die Forschung. Kinder können hervorragend vom dritten bis zum achten Lebensjahr "spielend" Sprachen lernen. Man könnte feststellen, dass Kinder, die einen zweisprachigen Kindergarten besuchen, automatisch beide Sprachen lernen - ohne großen Aufwand. Im Vergleich dazu brauchen Erwachsene lebenslang um eine andere Sprache zu lernen. Es gab zwar schon vor Jahrzehnten Versuche mit zweisprachigen Kindergärten, aber diese Versuche wurden (leider) vorzeitig abgebrochen. Man konnte in einer bestimmten Entwicklungsstufe feststellen, dass die Kinder beide Sprachen gleichzeitig - in einem Satz - verwenden. In dieser Phase wird die Grammatik als auch die Vokabeln quer durcheinander vermischt. Man brach die Versuche ab, da man befürchtete, dass die Kinder nur mehr diese Mischsprache verwenden und nicht mehr zu einer "normalen" Kommunikation fähig seien. Später konnte man aber zeigen, dass die Ängste unbegründet waren und dass diese Phase nur ein halbes Jahr lang andauert. Nach dieser Phase haben die Kinder praktisch die volle Sprachkompetenz in beiden Sprachen, vergleichbar den Kindern, die jeweils nur eine Sprache verwendet haben. Allerdings können zweisprachig aufwachsende Kinder zwei Sprachen gleich gut. Es ist nicht so, dass durch die Zweisprachigkeit die Kompetenz in einer Sprache leidet. Moderne Verfahren, wie das FMRI, konnten zeigen, dass es auch im Gehirn einen Unterschied gibt (Abbildung 6.8). Eine Person, die eine Muttersprache spricht und erst später eine zweite Sprache erlernt hat - die zweite Sprache oder auch Fremdsprache - besitzt zwei benachbarte Bereiche im Broca-Areal, die für jeweils eine Sprache verantwortlich sind. Hat eine Person aber gleichzeitig zwei Sprachen gelernt - zwei Muttersprachen, dann überlappen sich die beiden Bereiche im Broca-Areal. Es gibt zwar noch zwei Bereiche, die nur einer Sprache zuzuordnen sind, aber diese Bereiche sind relativ klein. Wahrscheinlich benötigt man sie, um spezielle Ausdrücke oder Phrasen, die nur in einer Sprache auftreten, auszudrücken. Man denke an Begriffe aus dem Wienerischen wie zum Beispiel "Leiwand" (das Gegenteil von Oasch) oder "Vollkoffer"( Idiot in allen Lebensbereichen, vgl. Koffer: Idiot in einem speziellen Lebensbereich). Eine exakte Übersetzung ist schwer bis gar nicht möglich.

Personen mit einer Muttersprache und einer Fremdsprache neigen zu einem interessanten Phänomen. Sprechen sie längere Zeit in der Fremdsprache und kehren in das Heimatland zurück, dann sprechen sie fast automatisch manchmal noch in der Fremdsprache. Es fällt den Personen relativ schwer, zwischen den beiden Sprachen zu wechseln. Hingegen Personen mit zwei Muttersprachen können ohne Probleme zwischen diesen beiden leicht wechseln. Meist sogar Satz auf Satz.


6.2 Legasthenie

Da das Lesen etwas komplexer ist, ergeben sich auch ganz spezielle Störungen. So hatte 1877 Kussmaul die Wortblindheit als eine lebenslang andauernde Leseunfähigkeit diagnostiziert. Der Neurowissenschafter Berlin prägte den Begriff "Dyslexie", die eine allgemeine Leseunfähigkeit oder Leseschwäche beschreibt. Man unterscheidet zwei Arten von Dyslexien:

· Entwicklungsbedingte Dyslexien: Für die Lesefähigkeit wichtige Gehirnteile sind nicht vorhanden oder anormal entwickelt.

· Erworbene Dyslexie: Es tritt eine Hirnschädigung auf, nachdem der Patient lesen gelernt hatte, wodurch ein weiteres Lesen behindert wird.

Der Neurowissenschafter T. Orton bemerkte, dass Linkshänder überproportional oft beim Lesenlernen Buchstaben und Worte vertauschen. Seiner Meinung war die nicht-dominante Hemisphäre für die Dyslexie verantwortlich, denn sie enthalte ein umgekehrtes Bild der Dinge aus der Realität. Durch ein geeignetes Lernen könne die ursprüngliche Dominanz der dominanten Hemisphäre wieder hergestellt werden.
Das Vertauschen von Symbolen wird als Strephosymbolie bezeichnet. Folgende zwei Beispiele sollen dieses Syndrom verdeutlichen:

b I d

nie I ein

Ähnliche Symbole wurden verwechselt oder in der falschen Reihenfolge geschrieben. Es zeigte sich erst später, daß praktisch alle Kinder während dem Leseerwerb mit Wörtern und Buchstaben spielen. Damit ist auch das absichtliche Vertauschen von Buchstaben oder das spiegelbildliche Schreiben gemeint.

Beim Lesen müssen Buchstaben identifiziert werden. Zudem müssen Buchstaben in Laute umgewandelt werden - phonologische Fähigkeit. Um dem Wort eine Bedeutung geben zu können bedarf es einer semantischen Fähigkeit.
So gibt es zwei Arten Wörter zu lesen. Das graphemische Lesen entspricht einem lexikalischem Lesen. Das Wort wird als ganzes, als Symbol, wahrgenommen und direkt phonologisch codiert. Diese Leseart gilt vor allem für Wörter, die anders ausgesprochen werden, als sie geschrieben werden.
Beim phonologischem Lesen werden Regeln verwendet, um Buchstabenkombinationen in Phoneme umzuwandeln. Diese Regeln führen zur richtigen Aussprache. Deshalb ist es möglich, Wörter die man nicht kennt, korrekt auszusprechen. So gibt es im Deutschen die Regel Wörter mit "-tion" als [tßion] auszusprechen.
Bei Kindern stellt man fest, dass sie zuerst Buchstabe für Buchstabe lesen und sie direkt phonologisch umwandeln. Zuerst kommt es bei Kindern zum phonologischen Lesen und erst später zum graphischen Lesen. Das heißt, ab dem 6.-10. Lebensjahr beginnen die Kinder die Wörter als ganzes wahrzunehmen, und es wird auf das lexikalische Wissen, wo auch die phonetische Codierung gespeichert ist, zurückgegriffen. Wenn Erwachsene lesen, so verwenden sie meist das graphemische Lesen. Dies erklärt auch die Probleme beim Korrekturlesen. Die Wörter werden als Ganzes wahrgenommen, und nicht Buchstabe für Buchstabe. Da man die Wörter, ohne sie exakt lesen zu müssen, leicht erkennen kann, werden falsche Buchstaben nicht oder nur selten erkannt.

Theoretisch müsste man bei Kindern 2 Gruppen von Lesestörungen finden. Zum einen Kinder, die die phonologische Methode nicht beherrscht. Das sind Kinder, die schon in der frühen Lesephase Probleme haben. Zum anderen gibt es Kinder bei denen die Probleme erst später auftreten, wenn das graphemische Lesen aufgebaut wird. Tatsächlich hat man diese Differenzierung gefunden.

Wenn es bei der einen Gruppe von Kindern Probleme mit der phonologischen Methode gibt, so müsste man die Problem schon früher, vor dem Lesebeginn, bemerken. So sprach man den Kindern mehrere Wörter vor, und sie sollten das Wort auswählen, das kein Phonem gemeinsam mit den anderen Wörtern hat:

· hill, pig, pin -> hill
· cot, pot, hat -> hat
· bun, pin, gun -> pin

Tatsächlich zeigte sich, dass Kinder die Probleme bei dieser Aufgabe hatten, später Problem mit dem Lesenlernen hatten.

Man konnte sogar zeigen, daß schon früher Probleme mit der phonologischen Codierung auftreten, die später zu Leseproblemen führen. Wenn man zwei Töne rasch genug hintereinander präsentiert, dann können sie nicht als getrennt wahrgenommen werden. Normalerweise werden zwei Töne, die näher als 10 - 40 ms zusammenliegen, nicht mehr korrekt als zwei unterschiedliche Töne wahrgenommen. Bei Kindern mit zukünftigen Lesestörungen und Erwachsene mit vorhandenen Lesestörungen werden zwei Töne erst bei rund 350 ms Zeitunterschied als getrennte Töne wahrgenommen. Interessanterweise haben Personen, die zwei aufeinanderfolgende Töne nicht gut unterscheiden können, auch Probleme bei aufeinanderfolgenden Lichtblitzen.


Abbildung 6.9: Die phonologische und die semantische Routen liegen parallel. Sie werden unterschiedlich, je nach Wort und Alter des Lesers verwendet.

Es gibt aber noch weitere Arten von Lesestörungen. So kann man nach dem Schema aus Abbildung 6.10 erworbene Dyslexien leicht analysieren.

Abbildung 6.10: Alle möglichen Lesestörungen, und deren Abhängigkeiten.

Ein Modell von Hinten et al. konnte diese Idee mit einem technischen Netzwerk nachbilden. Es beschreibt vor allem zwei spezielle Dyslexien: die Oberflächendyslexie und die Tiefendyslexie.

Bei der Oberflächendyslexie lesen Patienten Wörter falsch, die ungewöhnlich ausgesprochen werden. Die phonologische Bahn ist in Ordnung. Ein Beispiel wäre das Wort "yacht", das im Englischen nicht als >> yatched << oder ähnlich ausgesprochen wird, sondern als ausgesprochen wird.
Bei der Tiefendyslexie wählen die Patienten ein anderes aber semantisch gleiches Wort, anstelle des gelesenen. Zum Beispiel wird, wenn das Wort "yacht" gelesen wird, das Wort "boat" oder "ship" ausgesprochen. Es handelt sich um ein anderes Wort, aber mit einer ähnlichen Bedeutung.

Um das Modell zu verstehen, ist es wichtig einen semantischen Raum aufzuspannen. Ein semantischer Raum ist durch verschiedene Eigenschaften, bzw. durch verschiedene Bedeutungen, definiert. Nehmen wir als Beispiel die drei Eigenschaften 4 Beine, gefährlich, groß. Diese drei Eigenschaften definieren den semantischen Raum, wobei natürlich der semantische Raum des Menschen um ein vielfaches größer ist. Man kann davon ausgehen, dass beim Menschen die Semantik von rund 10 000 Eigenschaften bestimmt wird.

 

Abbildung 6.11: Darstellung eines semantischen Raums, aufgespannt durch die drei Eigenschaften "4 Beine", "gefährlich", "groß", können 6 Tiere beschrieben werden.

Jedes Wort hat eine spezifische Bedeutung und stellt somit einen Punkt in dem semantischen Raum dar. Damit ergeben sich auch Nachbarschaften. Manche Wörter sind semantisch benachbart, das heißt ihr Abstand in diesem Raum ist gering, während Wörter die nur wenige gemeinsame Eigenschaften besitzen auch weiter voneinander entfernt sind.


Abbildung 6.12: Darstellung des technischen neuronalen Netzwerkes nach Hinton, um Dyslexien zu erklären.


So versuchte der Neurowissenschafter Hinton, das phonologische und semantische Lesen mit einem technischen Netzwerk zu modellieren. Er schuf eine Verarbeitungsschicht, die die semantische und eine die die phonologischen Informationen verarbeitet. Diese Verarbeitungsschichten sind in Abbildung 6.12 dargestellt und als Semen- und Phonem-Knoten bezeichnet. Durch die Semen-Knoten wird ein semantischer Raum aufgespannt, genauso wie durch die Phonem-Knoten ein phonetischer Raum aufgespannt wird. Über die Graphem-Knoten konnten Buchstaben "gelesen" werden. Diese Information gelangte in eine Zwischenschicht, und von dort gelangte die Information in den Semen-Knoten. Diese Schichten wurden als einfache technische neuronale Netzwerke programmiert, mit einfachen technischen Neuronen. Über den Algorithmus Back-Propagation wurden die Gewichte der einzelnen Neuronen festgelegt. Es zeigte sich aber, daß der Lernalgorithmus extrem lange benötigte, bis eine korrekte Zuordnung getroffen wurde.

Abbildung 6.13: Darstellung eines fast richtig erkannten Begriffes. Am besten passen die Eigenschaften zum Wolf. In der unteren Darstellung ist eine korrekte Zuordnung von 9 Neuronen, zum Begriff "Wolf" dargestellt. Die grau gefärbten Neuronen sind synchron aktiv. In der rechten Darstellung ist der Begriff "Wolf" nur zu erahnen, das Muster ist ähnlich aber es stimmt nicht 100%ig.

Das Wort konnte nur ungefähr einem Begriff zugeordnet werden. Wie in Abbildung 6.13 dargestellt, wurde ein Wort erkannt, das zu 90% mit 4 Beinen, zu 90% groß und zu 85% gefährlich ist. Natürlich liegt, die semantische Wortbedeutung sehr nahe bei dem Wolf, aber es gibt keine 100%ige Übereinstimmung. Wenn der Lernalgorithmus sehr lange lernt, dann ist eine 100%ige Übereinstimmung möglich. Der Neurowissenschafter Hinton löste das Problem auf eine andere Art. Er führte sogenannte Aufräumknoten ein. Diese Aufräumknoten stellen eine Art Iteration dar. Der Reiz, oder besser das Reizmuster, das im Semen-Knoten repräsentiert wird, wird über eine Schicht mit sich selbst rückgekoppelt. Das führt dazu, daß mit ein paar Rückkopplungen die Zuordnung des Wortes zur semantischen Bedeutung 100% korrekt durchgeführt wird. Damit konnte die Lernzeit des Algorithmus wesentlich verkürzt werden. Die Worte wurden zwar nicht mehr ganz in die gewünschte Nähe des semantischen Raumes abgebildet, aber durch den Aufräumknoten war dies nicht mehr notwendig.

Diese spezielle Form der Iteration, beziehungsweise der Aufräumknoten, kann einfacher modelliert werden. Durch den Effekt der Synchronisation von "integrate-and-fire"-Oszillatoren kommt es zwangsläufig zu einer korrekten Zuordnung.

Durch die Synchronisation zwischen den Neuronen werden geometrische Muster generiert. Wenn ein Muster, aufgrund von mangelnden oder falschen Eingangsdaten, verrauscht ist, dann kann das Muster aufgrund des vorausgegangenen Lerneffekts, vervollständigt werden. Es wird das Muster, das am ähnlichsten ist generiert. Im Fall der Abbildung 6.13 würde das rechte Muster nach ein paar Iterationen sich durch die Synchronisation zum linken Muster wandeln.

Abbildung 6.15: Darstellung eines 2-dimensionalen semantischen Raums, mit den Begriffen "cat"-Katze, "cot"-Feldbett und "bed"-Bett.

Das Netzwerk von technischen Neuronen mit Aufräumknoten beziehungsweise aus biologischen Neuronen konvergiert zu einem stabilen Muster. Dieses stabile Muster stellt einen Fixpunkt dar. Semantisch ähnliche Eingangswerte werden auf den selben Fixpunkt hin abgebildet.

Bei Veränderung der Gewichte des Aufräummechanismus verschieben sich die Grenzen der Einzugsgebiete für jedes einzelne Wort. Das heißt, wenn das Netz vorher zu einem bestimmten Wort gezogen wurde (Konvergenz), so bewegt es sich jetzt möglicherweise auf ein anderes, semantisch verwandtes Wort zu.
Zum Beispiel: "yacht" => "boat"
Dies erklärt die Tiefendyslexie.

Bei fast allen Patienten, die semantische Fehler machen, kommt es auch noch zu visuellen Fehlern: Die ersten Schichten (Graphem- und Zwischenknoten) können relativ ungenau arbeiten, das heißt cat und cot führt zu einer sehr ähnlichen Zwischenausgabe. Durch den Aufräumknoten des semantischen Systems wird dann das eigentliche Wort herausgefiltert. Wenn das semantische System nicht funktioniert, kann der Filterprozess nicht arbeiten und das falsche Wort wird möglicherweise ausgewählt.
Zum Beispiel: "cat" wird mit "cot" verwechselt.

Viele Patienten haben auch Probleme beim Lesen von abstrakten Wörtern: Ein konkretes Wort hat meist mehrere semantische Eigenschaften als ein abstraktes Wort. Die Semantik kann die Worterkennung beträchtlich erleichtern. Wenn also das Netz vor dem Semen-Knoten beschädigt ist, hilft die Semantik bei der Worterkennung. Wenn es aber wenige semantische Zuordnungen zu einem Wort gibt, wie es bei abstrakten Worten der Fall ist, ist die Hilfe dementsprechend gering.
Zum Beispiel: "post" (Pfosten, 16 semantische Eigenschaften) =>
"past" (Vergangenheit, 2 semantische Eigenschaften)

Abbildung 6.16: Die Lage der Punkte markiert Zellanomalien, von Personen, bei denen eine Leseschwäche diagnostiziert wurde. Die mit einem "E" markierten Orte weisen auf anormale Erhebungen hin.

Es wurde eine unvollständige Trennung der Zellschichten und Nester mit fehlplatzierten Neuronen in der Großhirnrinde, insbesondere im Lesezentrum, beobachtet. Da bei Männern die Verarbeitung der Entschlüsselung der phonologisch gelesenen Worte nur in der linken Hirnhemisphäre, im Unterschied zu Frauen (beidseitig), stattfindet, erklärt dies auch den erhöhten Anteil von männlichen Legasthenikern.



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Fragen: Diese Fragen sollten nach der Vorlesung beantwortet werden können,

Was versteht man unter einer Broca-Aphasie?

Was versteht man unter eine Wernicke-Aphasie?

Erläutern sie das leicht erweiterte Wernicke-Geschwind-Modell?

Was versteht man unter graphemischem und phonologischem Lesen?

Wie kann man mit leichten Mitteln eine Dyslexie feststellen?

Welche Arten von Dyslexien gibt es?

Erläutern sie die Oberflächen- und Tiefendyslexie?

Wie ist ein Wort im Gehirn repräsentiert?

Warum haben Personen mit einer Dyslexie Probleme mit abstrakten Wörtern?